Marc Urlen
Die Bilder der Massenmedien
Wie einfache Bilder unser Denken und Handeln bestimmen
Dissertation am Fachbereich 5 der
Unsiversität Gesamthochschule Kassel 2005
betreut von Prof. Dr. Lothar Döhn
Erschienen 2005 im Urlen-Verlag, Euro 14,99.
Bestellungen über den Buchhandel (ISBN 3-9808363-3-9) oder portofrei direkt hier per e-mail.
Zusammenfassung
Zwischen unserem Denken und der Konstruktion plausibler Medienprodukte besteht ein wesentlicher Zusammenhang: So wie unser Gehirn unsere Umwelt auf verhaltensrelevante Faktoren zuspitzt, so konzentrieren die Medien die Gesellschaft auf einprägsame, starke Bilder. Die von der Medienindustrie perfekt konstruierten Bildwelten erscheinen als „plausibel“, weil sie mit unserem Denken in idealer Weise korrespondieren.
Im Zeitalter der Massenmedien bleibt das Erkennen der wesentlichen Umweltelemente nicht länger dem Individuum überlassen. Die Konstruktion von Weltbildern ist nicht länger ein Aushandlungsprozess innerhalb einer überschaubaren Gruppe. Die Medienindustrie produziert vielmehr Bilder von der Welt, die den durchschnittlichen, gemittelten Zuschauer ganz unmittelbar ansprechen und ihm auf einer unreflektierten Ebene als plausibel und selbstverständlich erscheinen.
Im Rahmen der Arbeit werden neben sozialwissenschaftlichen auch erkenntnistheoretische und naturwissenschaftliche Ansätze behandelt und einbezogen. In den letzten zwanzig Jahren hat nämlich vor allem das „positive“ Wissen um das „Gehirn und seine Wirklichkeit“ stark zugenommen. Was, wenn sich Kategorien wie „gut“ und „schlecht“ als illusionäre Konstrukte erweisen sollten, ersponnen von Nervensystemen als unerhebliche Nebenprodukte ihres eigentlichen Zwecks, der Ermöglichung der Autopoiese des Menschen? Es ist nur allzu leicht, im Angesicht solch desillusionierender Einsichten über das Menschsein zu resignieren und alle „kritischen“ Ansätze zu verwerfen.
Allerdings sind die derzeit typischen pragmatischen Untersuchungen nicht ohne Alternative. „Kritische“ Positionen lassen sich durchaus mit naturwissenschaftlich und erkenntnistheoretisch begründeten Ansätzen vereinbaren. Denn wenn wir genauer reflektieren, wie wir die Welt wahrnehmen, in der wir leben, warum wir auf die synthetischen Inszenierungen der Massenmedien so perfekt ansprechen, können wir auch beurteilen, welche von den Medien suggerierten Problemlösungsmechanismen plausibel sind und welche nur naivem Wunschdenken entspringen.
Im zweiten Teil der Arbeit werden diese theoretischen Grundlagen auf die Analyse der Bilder der Massenmedien angewendet, sowohl in einer abstrakten theoretischen Form als auch in Bezug auf die Genres Nachrichten, Unterhaltung und Werbung. Dabei wird gezeigt, dass die Bilder der Massenmedien immer dann besonders leicht angenommen werden, wenn sie typischen Denkmustern entsprechen. Nicht die angemessensten Rekonstruktionen der Wirklichkeit finden den meisten Beifall, sondern diejenigen, die uns als besonders „plausibel“ erscheinen. So setzen sich nicht die differenziertesten, sondern die angenehmsten Bilder von der Welt durch.
Zunächst werden einige Kinofilme (Star Wars, Wizard of Oz, Herr der Ringe) näher untersucht, die extrem erfolgreich waren, obwohl sie von der Kritik als „trivial“ und unerheblich abgetan wurden. Solche Filme verstehen es besonders gut, die Handlung auf ganz klare und „reine“ Konstellation zuzuspitzen. Der aktuelle Blockbuster ist ein Mythos aus der Retorte. An die Stelle der Überlieferung über Generationen tritt die geballte Professionalität der Filmschaffenden.
Doch die Konstruktion einer virtueller Wirklichkeiten ist kein Geschäft, das auf die Unterhaltungsindustrie beschränkt bliebe. Auch das angeblich so „ernsthafte“ Nachrichtengenre, das sich der Aufbereitung und der Verbreitung von Informationen verschrieben hat, geht ganz ähnlich mit seinem Gegenstand um, nämlich der Realität. Komplexe Zusammenhänge werden auf simple Bilder reduziert. Wichtig ist nicht etwa eine angemessene Darstellung, sondern die Prägnanz und Plausibilität des Gebotenen.
Wir erleben, wie illusionäre Zuspitzungen und Aufbereitungen der Wirklichkeit noch immer die globale Politik bestimmen. Völkerrechtswidrige Kriege werden zu „Kreuzzügen gegen Barbaren“ stilisiert. Eine Wirtschaftsordnung, die globales Elend produziert, wird als „fortschrittlich“ und „freiheitlich“ propagiert. Und ein verunsichertes Publikum giert nicht etwa nach „der Wahrheit“, sondern nach möglichst einfachen Erklärungen, nach möglichst schlüssigen, nachvollziehbaren Bildern von der Welt.
Thesen
1. Das Gehirn filtert aus einer Flut von Sinneseindrücken die wenigen relevanten heraus und spitzt sie auf handlungsrelevante Faktoren zu. Denken heißt, durch das Abwägen dieser (wenigen) Faktoren zu Entscheidungen zu gelangen.
2. Dieses „Denken“ ist kein objektiver Prozess, wird vielmehr von Wünschen und Bedürfnissen geleitet. So setzen sich nicht die Vorstellungen durch, die (in einem wissenschaftlichen, objektivierbaren Sinne) angemessen sind, vielmehr die angenehmen, subjektiv und emotional plausibel erscheinenden.
3. Auch die Massenmedien spitzen eine komplexe Umwelt auf verhaltensrelevante Faktoren zu. Sie produzieren starke Bilder. Der Makel ihrer synthetischen Produktion, ihrer Abstraktheit, wird dabei mehr als aufgewogen durch den Vorzug, dass sie ideal mit unseren Denkmustern korrespondieren.
4. Massenmedien produzieren Sinn. Sie produzieren plausible Arrangements plausibler Bilder. So schaffen sie typische Konstellationen, die typischen Auflösungen entgegenstreben. Sie bestätigen die Vorstellungen einer gemittelten Mehrheit, wie die Welt beschaffen sei, wie Probleme zu bewältigen seien. Solche Sinnkonstruktionen werden wie beliebige andere Wirtschaftsgüter, die Befriedigung versprechen, produziert und konsumiert.
5. Die Bilder von der Welt, die so entstehen, erscheinen als so selbstverständlich und einleuchtend, weil sie unseren Denkmustern entsprechen. Sie sind aber weder angemessen noch alternativlos.
6. Dies führt zur Frage, ob diese Bilder gezielt konstruiert werden, um Menschen zu manipulieren. Dies ist nur in wenigen, leicht durchschaubaren Fällen zu bejahen. Meist verhält es sich so, dass die Nachfrage nach einfachen, plausiblen Erklärungen auf eine Medienindustrie trifft, die mit dem geringsten Aufwand das attraktivste Produkt schafft, um so die Gewinne zu maximieren.
7. Das Ergebnis sind Weltbilder, die wenig mit unserer komplexen, widersprüchlichen Welt zu tun haben, viel mehr dagegen mit unseren Wünschen und Illusionen: mit der Vorstellung, wie die Welt sein sollte.
8. Je effizienter die Medien plausible Bilder erzeugen und entproblematisierte Weltbilder konstruieren, desto unkontrollierter können sich die Widersprüche der realen Welt zuspitzen. Ideale Bilderwelten schaffen keine Lösungen, sondern optimieren Verdrängung und Verklärung.
Wir sind längst eingeschlossen in eine Luftblasenwirklichkeit überlebensgroßer Bilder. Im Angesicht professionell produzierter Inszenierungen verblasst die eigene Urteilskraft. Die meisten Bilder, die die Massenmedien verbreiten, sind einmal nicht in einem rationalen Sinn plausibel, d. h. aus anerkannten Fakten abgeleitet und in sich geschlossen. Das kompensieren sie, indem sie auf ideale Weise mit unserem Denken korrespondieren. Die Medienmacher interessieren sich nicht für die ungeheure Komplexität der modernen Welt. Doch sie kennen genau die reduzierten, aber geschlossenen Weltbilder der Rezipienten und verfügt über die Mittel, ihre Produkte beliebig plausibel erscheinen zu lassen.
Die Welt wird transformiert in ein ideales Arrangement hoch zugespitzter Bilder, die von den Massenmedien verbreitet werden. Diese allerdings sind nicht authentisch und angemessen, vielmehr überzeugend und überwältigend. Sie bündeln in sich nicht nur Thesen, wie unsere Welt beschaffen sei, sondern befördern auch die ignorante Abwehr abweichender Meinungen. Was sich nicht in faszinierende Bilder verwandeln lässt, wird als unwesentlich abgetan oder gar als feindlich verfolgt. Warum ist das so? Weil uns unsere überindividuell ausgehandelte und synchronisierte Welt längst als „selbstverständlich“ und „natürlich“ erscheint - kurz gesagt: nicht als „eine“, sondern als „die Welt“, als ein Organismus. Ein solcher kann eben nicht hinterfragt werden. Und ebenso selbstverständlich verfügt er über das Recht, sich in der jeweiligen Form zu erhalten und zu reproduzieren.
Wir finden viele Anzeichen dafür, dass sich unsere überindividuelle Welt der gemeinsamen, starken Bilder in unserem Denken längst in einen solchen „Organismus“ verwandelt hat. Dessen Elemente sind starke, emotional aufgeladene Bilder, die in charakteristische Spannungsverhältnisse gerückt werden. Ob die so entstehende Ordnung eine rationale oder beständige sei, spielt dabei kaum eine Rolle. Wer die Widersprüche dieser scheinbar heilen Welt aufzeigt, wird mit seinen dürren Worten hinweggefegt von mächtigen Bildern, die die Schwelle abstrakter Logik längst überschritten haben, längst eine ideale Symbiose mit den menschlichen Organismen eingegangen sind, die sich mit ihnen identifizieren, deren Zerrissenheit sie kompensieren. Man identifiziert sich mit einem größeren Organismus, der über individuelle Schwäche erhaben ist, der die lichten Momente und Aspekte all seiner Organe repräsentiert. Doch in dem Umfang, in dem dieses überindividuelle Wesen erhöht wird, erniedrigt man sich selbst.
Wir sind nichtig, die geheiligte Ordnung der Welt ist alles. Dies ist ein Mechanismus, den wir aus religiös begründeten Gesellschaftssystemen kennen, in denen der „unwürdige“ Mensch einem allmächtigen Gott gegenübersteht. Ein Bild, das aber nicht obsolet ist, nicht von der Aufklärung hinweg gefegt wurde. Auch in der modernen Welt verblasst das Individuum im Angesicht eines Systems idealer Inszenierungen, von überwältigenden Bildwelten. Wir brauchen keine mächtigen Darstellungen mehr von Gott und seinen himmlischen Heerscharen. Die höheren Mächte treten uns ganz unvermittelt gegenüber – in Gestalt der Produkte unserer Industrien und der überlebensgroßen Inszenierungen der Massenmedien[1]. Was wir in den Konsumtempeln kaufen können, tritt uns nicht als menschgeschaffen gegenüber, sondern offenbart sich als Komplex, als Synthese aus Ding, kulturellem Überbau, emotionaler Einhüllung und medialer Überhöhung.
Wenn wir heute immer deutlicher an die „Grenzen des Wachstums“ stoßen, so wird uns bewusst, dass wir schon lange nicht mehr über die Bilder, die angenehmen Illusionen, herrschen, sondern längst von ihnen beherrscht werden. Nur wenn die Identität von Sein und schönem Schein in Frage gestellt wird, wenn wir zu einem reflektierteren Umgang mit den Bildern der Massenmedien finden, ließe sich an dieser Situation etwas ändern. Dies ist im Kern die gleiche Schlussfolgerung, die Adorno schon in der „Negativen Dialektik“ zog: Nur wenn illusionäre Identitäten in Frage gestellt würden, sei „Versöhnung“ möglich.
Diese Arbeit kann all diese Aspekte nicht abschließend behandeln, soll nur einige Denkanstöße geben. Doch schon in dieser provisorischen und simplen Form eröffnen die skizzierten Modelle neue Ansätze, die Bilder der Massenmedien mit größerer Präzision zu analysieren: indem nämlich ihre Funktion als Operatoren in Entscheidungsprozessen berücksichtigt wird. Dies erlaubt uns, zu fragen: Warum wird ein spezifischer Sachverhalt gerade so zugespitzt? Folgt die Darstellung aus dem Gegenstand oder aus der Art, wie wir denken? Können Medien objektiv berichten oder suggeriert die bloße Präsentation eines Sachverhalts notwendig schon Lösungen? All dies sind Fragen, auf die die meisten vorhandenen Ansätze keine befriedigenden Antworten geben.
Marc Urlen: Die Bilder der Massenmedien (2005), S. 282 f.